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Der Angriff

Der Angriff auf Wangerooge erfolgte in zwei Wellen mit zwei unterschiedlichen Zielpunkten, im Englischen Aiming Point genannt.

Da bisher keine primären Quellen zu den Zielpunkten vorliegen, lassen sich diese nur anhand der Berichte aus den Operation Record Books der Einheiten und Luftbildern, die während des Luftangriffes entstanden, sowie aus dem Schadensbild herleiten

Zielpunkt Wangerooge „A“ (Aiming Point Wangerooge „A“) lag knapp westlich des Ortes, im Bereich der Batterie Graf Spee.

Zielpunkt Wangerooge „B“ (Aiming Point Wangerooge „B“) lässt sich sehr gut aus den ersten Bombenabwürfen, die in der Nähe der roten Zielmarkierungen lagen, erkennen. Dieser lag im Bereich der Batterie Jade Ost, östlich des Ortes.

 

Die erste Welle

Gut eine Stunde vor dem Luftangriffe, etwa um 15:45 Uhr, ortete das Funkmessortungsgerät Wassermann im Westen der Insel, die anfliegenden Bomber in 350 Kilometer Entfernung. Im Flagruko wurde der Meldung keine Bedeutung geschenkt. Es war das tägliche Einerlei, nach Deutschland über die Deutsche Bucht einfliegende Bomberverbände. Der Leutnant und Jägerleitoffizier Adolf Lünemann erkannte einige Minuten nach 16 Uhr an dem sich geänderten Kurs der Bomber von Ost nach Südost, dass Gefahr für die ostfriesische Küste und die Insel drohte. Seit der schweren Bombardierung der Insel Helgoland eine Woche zuvor war man gewarnt, dass ein gleiches Schicksal auch Wangerooge ereilen könnte. Lünemann versuchte beim Festungskommandanten, Korvetten Kapitän Stührenberg, zu erreichen, dass für die Zivilbevölkerung Voralarm gegeben werde.

Die Freya-Geräte fassten die Bomber um 16:40 Uhr in 150 Kilometer Entfernung auf. Die Unschlüssigkeit der militärischen Führung ließ wertvolle Minuten verstreichen, bis um 16:47 Uhr die Bomber bereits nördlich von Norderney standen, nur noch 60 Kilometer von Wangerooge entfernt. Jetzt erst wurde der Befehl an die Signalstelle gegeben, für die Zivilbevölkerung öffentliche Luftwarnung auszulösen.

Viele Wangerooger, die ihr restliches Tagwerk vollbrachten, waren auf den Weiden und Äckern oder anderweitig unterwegs und versuchten nun in Eile nach Hause zu kommen oder an Ort und Stelle Schutz zu suchen. Einige nahmen den Alarm nicht wahr, andere ignorierten ihn.

Der Südtiroler Obergefreite Georg Mahlknecht war um 16:00 Uhr auf Wache in der Signalstation aufgezogen. Nach dem er auf Befehl die Luftwarnung ausgelöst hatte, griff er zum Telefonhörer und erkundigte sich bei der Signalstelle Schillig, mit der die Signalstation Wangerooge über eine Standleitung verbunden war, nach der Luftlage. „Angriffsziel Wangerooge!“ bekam er zu hören.

Mahlknecht wusste nicht was ihn dazu veranlasste, aber ohne einen Befehl erhalten zu haben, löste er Fliegeralarm aus.

Gleichzeitig setzten die Mosquitos ihre Zielmarkierungen im Osten der Insel.

Die Zielmarkierungen wurden dort um 16:56 und 16:58 Uhr von zwei Mosquitos des No. 109 Squadron aus 23000 ft. und 23500 ft. gesetzt . Die ersten Markierungen lagen knapp 200 Meter südwestlich des Zielpunktes und eine Markierung 100 Meter nördlich versetzt am Strand. Weitere rote Markierungen wurden vom Master Bomber und dem Deputy Master Bomber des No. 156 Squadron geworfen. Um 17:01 Uhr setze eine Lancaster des Squadron eine zusätzliche gelbe Markierung, die leicht südlich des Zielpunktes fiel. Das No. 156 Squadron war mit ihren 16 Lancastern auch die erste Formation die Bomben ab 16:58 Uhr über dem Ziel Wangerooge „B“ abwarf. Eine halbe Minute später, um 16:58:24 Uhr, war bereits das No. 405 Squadron mit vier Lancastern über dem Zielgebiet.

Die vier Lancaster des Squadrons waren als zusätzliche „Blind Sky Marker“ eingeteilt und hätten, wenn erforderlich, die zusätzlich zu ihrer Bombenlast mitgeführten „Blue Smoke Marker“ bei nicht vorhandener Bodensicht gesetzt. Ihre Bomben fielen südöstlich der Markierung auf den nördlichen Rand des Flugplatzes. Dann, korrigiert durch den Master Bomber, nordwestlich der Markierungen in die Dünen und Stellungen zwischen der Jade Batterie und der Batterie Neudeich.

Für die Batterien auf der Insel kam der Alarm überraschend, sie waren vom Flagruko nicht in Gefechtsbereitschaft versetzt worden.

Batterie Saline eröffnete das Feuer in dem Moment, als die ersten Bomben im Bereich der Batterie Jade Ost fielen. Wie auch in der Batterie Saline wurden die Soldaten in der Batterie Neudeich erst durch die Handsirene der eigenen Batterie alarmiert.

17:00 Uhr, die ersten Zielmarkierungen und Bomben sind gefallen.

 

30 Sekunden später bricht das Inferno über die Batterie Jade-Ost herein.

Neudeich konnte noch den Feuerkampf aufnehmen, ihr Schießen wurde aber zunehmend unkontrollierte und schwächer, zum Schluss war nur noch ein 10,5 cm Geschütz klar, von dem Batteriechef Oberleutnant Walter Brodenbeck „über den Daumen“ in die Bomberformationen schießen ließ. Die anderen drei Geschütze waren ausgefallen, da Betonbrocken die Panzerkuppeln blockierten.

Weitere 30 Sekunden später fallen auch Bomben auf die Ostseite des Ortes.

Die Rauch- und Staubwolken zogen mit dem nordöstlichen Wind quer über die Insel und verdeckte so den nachfolgenden Bomber die gesetzten Zielmarkierungen. Teilweise war die Anzahl der Bomber über dem Zielpunkt so groß, dass einzelne Flugzeuge anderen Maschinen beim Bombenwurf ausweichen mussten. Zwei Halifax des No. 76 Squadron kollidieren und stürzen ab. Trotz der Korrekturen des Master Bomber fielen Bomben zu kurz und das „Creepback“, das Zurückkriechen der Bombenreihen, setzte ein. Teilweise fielen die Bomben an den Strand oder ins Meer. Bomber um Bomber flogen an und luden ihre explosive Fracht ab. So unscheinbar die Bomben, je weiter sie der Erde zufielen, aus der Luft aussahen, um so verheerender war ihre Wirkung am Boden.

17:03 Uhr, das Backcreeping setzt ein, Brände am südöstlichen Ortsrand.

 

Um 17:04 Uhr brennen Hotel Germania und der Kaiserhof (links oben).

Die Bereiche der östlich Siedlerstraße und der Charlottenstraße erhielten Treffer. Ein Bunker in der Richthofenstraße wurde direkt über dem Eingang getroffen, die katholische Kirche komplett zerstört. Das Strandhotel Germania erhielt Treffer und das Vorderhaus des Kaiserhofs sank in sich zusammen. Schlimm traf es das Baracken-Lager der Holländer am Nordrand des Flugplatzes. Sie waren den Bomben schutzlos ausgeliefert.

Der Ort ist um 17:06 Uhr unter den Rauch- und Brandwolken nicht mehr zu erkennen.

Um 17:08:24 Uhr befahl der Master Bomber den Angriff auf den Zielpunkt „B“ einzustellen.

In diesen zehn Minuten fielen 1787 Stück 1000 lb. (1000 lb. = 453,6 kg.) und 789 Stück 500 lb. (500 lb = 226,8 kg.) zusammen 989,4 Tonnen Bomben auf und um den Zielpunkt Wangerooge „B“.

 

Die zweite Welle

Aus Nordwesten näherten sich die nächste Welle. Wieder hatten zwei Mosquito des No. 105 Squadron den Zielpunkt Wangerooge „A“ mit roten Zielmarkierungen um 17:10 Uhr und nochmals um 17:12 Uhr markiert. Diese Markierungen lagen etwa 100 Meter östlich des Zielpunktes.

Um 17:11 wurde vom Master Bomber, den das No. 582 Squadron stellte, die ersten Zielmarkierungen gesichtet, die aber schnell an Sichtbarkeit verloren. Seit Beginn des Angriffs wehte der Wind aus nordöstlicher Richtung und trieb die Rauch- und Staubwolken des vorhergehenden Angriffs über den Zielpunkt. Eigentlich wurde westlicher (Boden-) Wind über dem Ziel erwartet, darum sollte auch erst der Zielpunkt Wangerooge „B“ angegriffen werden, Rauch und Staub sollten nach Osten abziehen.

Diese Aufnahme galt zwar noch dem Zeilpunkt "Wangerooge B", verdeutlicht aber wie schlecht die Sicht auf den Zielpunkt "A" war. Links unten die Friedrich August Kaserne, Bildmitte links die Baracken der Stellung "Wal".

Der Deputy Master Bomber setzte um 17:13 erneut rote Markierungen, die 200 bis 300 Meter südsüdöstlich des Zielpunktes vielen. Es müssen aber auch Markierungen in die südwestliche Ecke des Ortes gefallen sein, da dort durch den Hauptverband Markierungen gesehen wurden.

Auch hier waren die Pathfinder (Pfadfinder), die das Zielgebiet markierten, die Ersten, die ab 17:13 Uhr ihre Bomben in das Zielgebiet fielen ließen.

Der Hauptverband der zweiten Welle war ab 17:16 Uhr über dem Ziel. Von Anfang an waren die Zielmarkierungen schlecht oder nicht zu sehen. Die Bomber des No. 408 Squadron, das zusammen mit dem No, 426 und No. 635 zwischen 17:16 Uhr und 17:19 Uhr über dem Ziel war, bombardierte nach den Einsatzmeldungen die Bebauung östlich der Zielmarkierungen und die roten Markierungen im bebauten Gebiet. Nur ein Bomber des Squadrons legte seinen Bombenwurf eine halbe Meile, etwa 800 Meter, westlich des Ortes, da keine Markierungen zu sehen waren. Umgehend korrigierte der Master Bomber die Zielanweisungen. Auch das No. 426 Squadron konnte keine Zielmarkierungen ausmachen und meldete, dass ihre Bombenreihen zu weit in die Bebauung fielen. Die Bombenschützen des No. 635 Squadrons fanden ihr Ziel in Relation zum noch gut sichtbaren Flugplatz und bombardierten dann nach Anweisung des Master Bombers die Aufwindecke des Rauches.

Für manche Bomber, die sich schon im Zielanflug kurz vor dem Auslösen der Bomben befanden, kamen die korrigierenden Anweisungen zu spät. So meldet die Besatzung einer der Bomber des No 415 Squadron im Einsatzbericht: „17:17 Uhr, Zielpunkt unter Rauch, 17:17 Master Bomber befahl 'Undershot Aiming Point“, aber zu spät. Die Ecke des Ortes bekam einige Bomben ab.“

Die über den Zielpunkt hinausschießenden Bomben trafen den westlichen und südwestlichen Ortsrand am schwersten. In der Bahnhofstraße wurde das Hotel Nordsee und das Haus Bläubaum getroffen. Bombenreihen fielen fast parallel zur Charlottenstraße, Friedrich-August-Straße und der Peterstraße und zerstörten dort zahlreichen Gebäude. Das Hotel Hanken wurde getroffen.

Die Kommandantur, das Haus Charlotte an der Ecke Charlottenstraße und Anton-Günther Straße wurde Opfer der Bomben und des Feuers, das eine abstürzende Halifx auslöste.

Sitz der Kommandantur, Haus Charlotte.

Eine Bombe durchschlug die Bunkerdecke des Flagruko. Sechs Marineherlferinnen und 14 Marinesoldaten waren vermutlich sofort tot. Oberleutnant Theo Thywissen überlebt, starb aber vier Stunden später. Oberfeldwebel Heinrich Droste, Maat Georg Becher und Hauptgefreiter Eugen Herbst wurden geborgen.

Teilweise handeln die Piloten und Bombenschützen eigenmächtig. Obwohl der Master Bomber „Pickwick“ befohlen hatte, „Pickwick“ war das Kodewort auf die Aufwindecke des Rauches zu zielen, bombardierte die Lancaster NG279 des No. 424 Squadron um 17:21 Uhr das Zentrum des Ortes, weil der durch den Master Bomber befohlende Zielpunkt im Meer lag.

Durch das Backcreeping und die Anweisungen des Master Bombers wandern die Bombeneinschläge in westnordwestliche Richtung vom Ort weg über die Friedrich-August-Kaserne und die Batterie Saline. Einige Bomben fielen sogar auf Spiekeroog, etliche Ladungen ins Meer.
Im Leitstand der Batterie Saline sah der Entfernugsmesser-Maat durch das Glas des Kommandogerätes wie eine Bombe direkt auf ihn zufiel:“ Ich krieg die Bombe nicht aus dem Glas! Volle Deckung!“
Batterie-Chef Kapitänleutnant Adolf Weber stand frei oben auf dem Leitstand und leitete von dort aus das Feuer der Batterie. Geistesgegenwärtig sprang er in ein Deckungsloch, südwestlich des Leitstandes. Die Bombe, die hart westlich des Leitstandes einschlug, drückte das Deckungsloch zu und tötete den Batterie-Chef.

In der Stellung Wal erhielt ein Würzburg Gerät einen Nahtreffer, auch in die Stellung selbst fielen Bomben. Sieben Tote waren dort zu beklagen, die in Feldgräbern bestattet wurden.

Um 17:23 Uhr hat der letzte Bomber des Hauptverbandes das Ziel überflogen. Um 17:25 Uhr flog der Master Bomber ab.

Die zweite Welle warf 1058,46 Tonnen und damit 1709 Stück 1000 lb. und 1249 Stück 500 lb. Bomben ab.

Die Überlebenden auf Wangerooge, ob Soldat, Zivilist oder Fremdarbeiter, sie alle waren nach dem Ende des Bombardements für einen Moment in einem Gefühl vereint: Erlösung!

Sie kehrten zurück in eine Welt, die verbrannt roch und nach Staub schmeckte.

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